Vorsprung durch Falten

Etwas mehr als ein Kalenderkonzept

 

Graue Haare und Falten sind ein Zeichen des Alters. Außerdem zeugen sie von Erlebnissen und Erfahrungen, von einem zurückgelegten Weg voller Geschichten. Und braucht es nicht gerade in einer Zeit, in der vermeintlich mehr kommuniziert und geteilt als wirklich und hautnah erlebt wird, einen Perspektivenwechsel, um sich der Vergangenheit bewusst zu werden und ihrem Einfluss auf die Gegenwart?

 

Das atelier zudem denkt: ja. Seitdem die Werbeagentur mit Sitz in Kitzingen vor über 20 Jahren gegründet wurde, hat sie schon oft mit Diözesen, kirchlichen Verbänden und Seniorenheimen zusammengearbeitet, weil ihren Mitarbeitern die Thematik und Nachhaltigkeit dieser Arbeitsbereiche am Herzen liegen. Gerade in der Werbebranche hat man die Schnelllebigkeit der Welt jeden Tag vor Augen. Medienkonsum, subjektive Berichterstattungen, bearbeitete Bilder - inmitten eines solchen Arbeitsalltags erhält der Mensch im Zentrum einen ungemein wichtigen Stellenwert. Deshalb möchte sich die Agentur vor allem mit Projekten beschäftigen, die ihr auch persönlich wichtig sind.

 

Ob im familiären Umfeld oder in der Arbeit, man begegnet täglich älteren Menschen, die wertvolle, spannende, anrührende und lehrreiche Geschichten zu erzählen hätten, wenn man sich doch nur die Zeit nehmen würde, zuzuhören! Die Vergangenheit bietet einen Vorsprung, der die Vorfreude auf Falten weckt: „Vorsprung durch Falten“ ist gelebte Weltgeschichte voller Pointen und Aha-Effekte, von denen alle Generationen profitieren. Die Idee des Kalenders war also geboren, nun brauchte es einen kompetenten Partner, um den Plan in die Tat umzusetzen!

Falten und Hashtags

 

Der Caritasverband der Diözese Würzburg und seine ihm angeschlossenen Einrichtungen machen sich stark für Kinder, Jugendliche, Senioren und Menschen am Rand der Gesellschaft. „Not sehen und handeln“, lautet der Anspruch des Wohlfahrtsverbandes. Fachlich und menschlich verbinden ihn und das atelier zudem viele Jahre der Zusammenarbeit. Nicht nur stieß das Projekt „Vorsprung durch Falten“ hier auf offene Ohren, sondern auch auf den angemessenen Rahmen, um dem Thema Bedeutung zu verleihen.

 

Mit dem ersten Kalenderblatt im Oktober 2019 fiel der Startschuss des Jubiläumsjahrs „100 Jahre Caritasverband für die Diözese Würzburg“. Und weil ein Jahr kaum genug Zeit bietet, um gemeinsame Berührungspunkte (Hashtags) der Vergangenheit und Gegenwart zu benennen und aus den Erkenntnissen der Senioren für die Zukunft zu lernen, wie es geht, wie es nicht geht und wie es besser geht, hat der Kalender 15 statt nur 12 Monate. 

 

Ereignisse hinterlassen Spuren. Einsichten, Verletzungen oder Fragen. Falten und Narben. Die Geschichten dahinter kann man im wahrsten Sinne des Wortes in den Gesichtern der Protagonistinnen und Protagonisten ablesen. Statt alter Kamellen werden aktuelle Bezüge deutlich: Urlaub in der Heimat ist wieder in, die in Ruinen aus dem Nichts gegründeten Geschäftsideen erinnern an Pop-Up-Stores und Kickstarter, Massenbegeisterung und ihre fatalen Folgen gibt es leider noch immer und Einkaufen ist wieder local, unverpackt, regional - heute zwar aus anderen Beweggründen, aber dennoch genau wie früher. Zuhören, reden und lernen von denen, die den Weg schon weiter gegangen sind, ist deshalb die Kernaussage des Kalenders.

Making-Of

 

Die Gründung des Diözesan-Caritasverbandes Würzburg fiel in eine Zeit großer sozialer, politischer und humanitärer Not. Nach dem Ersten Weltkrieg bildeten sich vielerorts Caritasverbände als Organisationsform, die bestehende Aktivitäten der Diözesen bündelte und direkt vor Ort auf die Sorgen der Bürger eingehen konnte. Genau wie diese Institutionen entwickelten auch die Protagonistinnen und Protagonisten unserer Kalender-Geschichten ihre Gesellschaft mit und bereiteten die heutige vor. Vom Bäcker über die Gemeindereferentin und den Filmvorführer bis zum Kohlenschlepper ist eine Bandbreite von Gewerken vertreten, die für die Charakterbildung der Gesellschaft unerlässlich waren und sind.

 

Mit viel Freude und großer Neugier begegneten die Senioren dem Produktionsteam. Drei Generationen, versammelt im zeitlosen Raum eines schwarzen Hintergrunds, die sich vorher nicht kannten, und mit einem neuen Erlebnis auseinandergingen. Meist reichten ein paar Fragen und ehrliches Interesse aus, um die spannenden Anekdoten ans Licht zu holen. Während man sich unterhielt, bemerkten die Geschichtenerzähler die Blitze und Scheinwerfer nicht mehr, und waren am Ende erstaunt, wenn man ihnen ihre authentischen und bewegten Porträts präsentierte. Es wurde gemeinsam gelacht, gemeckert und auch geweint. Manchmal geriet das Gespräch ins Stocken, weil sich die Erinnerung einfach nicht verbalisieren wollte. Und manchmal machte die Vergangenheit auch so wütend, dass man besser kurz verschnaufte. Nicht alle unserer Protagonistinnen und Protagonisten sind noch am Leben, wenn man den Kalender in Händen hält. Doch ihre Aussagen und Ratschläge sind für die Nachwelt festgehalten - Schwarz auf Weiß.

vorsprungdurchfalten.de ist ein Gemeinschaftsprojekt vom Caritasverband für die Diözese Würzburg und atelier zudem.